Archive for Mai 2010

Zwergenparadies

Mai 17, 2010

Geschätzter Orchideenfreund,

während die Wiesen ringsum sich mit Löwenzahn und hochgeschossenen Gräsern zeigen, hält sich die Bergwiese am Waldesrand bei Reichenbach unter Rechberg auf den ersten Blick vornehm zurück. Bei näherem Hinsehen jedoch entpuppt sie sich als botanisches Kleinod: Sie bietet im Vergleich zu den umliegenden landwirschaftlichen Produktionsflächen einer Vielzahl von Lebewesen eine Heimstatt. Gleich zu Beginn meines sonntäglichen Ausflugs am 16. Mai traf ich einen Schwalbenschwanz (Papilio machaon), der einen noch recht verschlafenen Eindruck erweckte, wie er sich da an die Pflanzenstiele geklammert hielt. Oder hoffte er darauf, von ein paar Sonnenstrahlen gewärmt zu werden, die nur ab und an durch die seltenen Lücken in der Wolkendecke brachen?

Im lockeren Gras der ungedüngten Bergwiese ist aber auch genug Platz für ein buntes Pflanzenleben: Margeriten und Bocksbart fühlen sich wohl, und es gibt viele Stellen mit niedrigen Grasarten, wo dann beispielsweise das Kreuzblümchen Polygala vulgaris gute Bedingungen vorfindet.

Ein entzückender weiterer Zwerg wächst oftmals ganz in seiner Nähe: Das Brand-Knabenkraut (Neotinea ustulata) ist nicht leicht zu entdecken in der Vielfalt der Gräser und Blumen – hat man es aber gefunden, so bietet es einen unvergleichlichen, atemberaubenden Anblick mit seinen Mini-Blütchen und seiner extravaganten Farbgebung. Die Winzlinge standen in schönster Blüte und Ihre „angebrannten“ Knospen zeigten das typische unverwechselbare Schwarzrot. Die Individuen variieren dort herrlich in der Form und Farbgebung ihrer Blüten; sehen Sie selbst auf der Seite „Neotinea ustulata“. Ich wünsche viel Spaß dabei!

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Orchideen kreuz und quer

Mai 12, 2010

Geneigter Leser,

selbst alte Hasen vermag die Natur immer wieder zu überraschen. Ich meine damit nicht mich, sondern einen Herrn gesetzteren Alters, den ich am 8. Mai in einer Wacholderheide bei Bad Ditzenbach getroffen hatte. Er erzählte mir von einem Standort auf der Alb-Hochfläche, direkt am Trauf, wo ein herrlicher Bestand von Blassem Knabenkraut (Orchis pallens), durchsetzt mit Manns-Knabenkraut (Orchis mascula) und den Kreuzungen der beiden (Orchis x haussknechtii) zu bewundern sei – und fügte hinzu, dass er so etwas im Lauf der Jahrzehnte, die er schon „in die Orchideen gehe” noch nicht erlebt habe. Einen Hinweis auf dieses Biotop hatte ich zuvor auch schon von Dr. Werner Spengler erhalten – also machte ich mich an den Aufstieg und fand das kleine Paradies. Die beiden Herren hatten nicht übertrieben; ein wundervolles Plätzchen tat sich auf, mit über 100 Orchis pallens und vielen Hybriden derselben mit Orchis mascula. Dieser herrliche Anblick ließ das trübe Wetter schnell vergessen. Bilder finden Sie auf der Orchis x hausknechtii-Seite unter der neuen Rubrik Orchideen-Hybriden.

Zuvor hatten mich die vielen Spinnen-Ragwurzen (Ophrys sphegodes) und Kleinen Spinnen-Ragwurzen (Ophrys araneola) im Trockenrasen am Hang entzückt – es macht jedes Mal viel Spaß, den verschiedenen Individuen in ihre Blüten zu schauen und die Variabilität zu bewundern. Die atemberaubenden Ausblicke auf die blühenden Apfelbäume krönten diese Exkursion zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Am Tag darauf, Sonntag 9. Mai, spazierte ich mit meinem Bruder Dominik dann bei Reichenbach i. T. über die Heide. Auch hier waren viele Spinnen-Ragwurzen zu sehen. Zu Beginn unseres Streifzuges fanden wir diese Nachzügler-Blüte einer Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris);

auch in der Natur kommt scheinbar manchmal jemand zu spät, denn ihre Artgenossen hatte allesamt schon ihre wunderbar duftigen Fruchtstände gebildet. Neben den Ragwurzen war allenthalben sprießendes Orchideen-Leben zu entdecken: Die austreibenden Blätter der Händelwurzen, knospige Helm-Knabenkräuter, erste Blüten der Fliegen-Ragwurz und Manns-Knabenkraut in Hochblüte. Die Krönung des Tages war die Kreuzung von Spinnen- und Fliegen-Ragwurz, die wir Dank des Hinweises von Dr. Spengler bewundern durften. Ja, jetzt ist der Orchideen-Frühling da – auch wenn das Wetter aus Menschensicht noch nicht unbedingt mittun will.

Viel Freude mit den neuen Foto-Eindrücken aus der Region!

Die Blüte hat begonnen

Mai 3, 2010

Werter Pflanzenfreund,

die Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus) ist in der Region regelmäßig als Begleiterin des Blassen Knabenkrauts (Orchis pallens) zu finden, sofern die gelben Schönheiten im Wald ihre Heimstatt bezogen haben. Am 25. April hatten die Knabenkräuter mit der Blüte im Buchenwald bei Geislingen/Steige begonnen; an diesem wunderbar sonnigen Tag war der Wald lichtdurchflutet, weil noch kaum ein Buchenblättchen zu sehen war. Drei Tage später war die Belaubung dank des sonnigen und warmen Wetters beinahe explodiert – trotzdem dringt noch genug Licht zum Waldboden, um die Blütenstände in ihrem leuchtenden Gelbton erstrahlen zu lassen.

Die Palmblättrige Nieswurz (Helleborus foetideus) hat ihre „Blüten“ inzwischen weit geöffnet, was bedeutet, dass die Pflanzen schon in die Phase der Fruchtbildung eingetreten sind. Sie wachsen mit Vorliebe am Waldrand des Orchis-pallens-Biotops. Genießen Sie die ersten Blütenfotos auf der Seite Orchis pallens! Hoffen wir auf eine Blütensaison, die hält, was der verheißungsvolle Auftakt durch unsere frühesten Knabenkräuter verspricht!