Archive for Juni 2010

Bonsai-Incarnata

Juni 25, 2010

Lieber Orchideenfreund,

der ungewöhnliche Witterungsverlauf beschert uns so manches Kuriosum in diesem Jahr, wie beispielsweise den verspäteten Maikäfer, der sich auf einem Himbeerstrauch ausruhte. Am 23. Juni 2010 habe ich mich noch einmal aufgemacht, um nach den Fleischfarbenen Knabenkräutern (Dactylorhiza incarnata) bei Mühlhausen i. T. zu sehen. Dr. Zelesny hatte mich auf die Population hingewiesen – und tatsächlich fand ich die Pflanzen, auch wenn ich zunächst an ihnen vorbeigegangen bin. Erst auf den zweiten Blick entdeckte ich die Zwerge im hohen Juni-Gras, denn bemerkenswert ist nicht nur der ungewöhnliche Wuchsort im Halbtrockenrasen, sondern auch ihre Erscheinung. Im Gegensatz zu allen Fleischfarbenen, die ich bisher die Freude hatte anzuschauen, sind sie in allen Dimensionen kleiner und blühen in einem sehr hellen Rosa-Ton. Sie machen tatsächlich den Eindruck von „Bonsai-Incarnata″.

Auffallende Feuchtigkeit ist im Biotop nicht zu entdecken (wie es bei den dunkelblütigen großen Schwestern bei Deggingen der Fall ist); die Knabenkräuter wachsen hier in geselliger Nachbarschaft mit Orchis militaris (Helmknabenkraut, bereits fruchtend), Platanthera bifolia (Zweiblättrige Waldhyazinthe, in Hochblüte) und Anacamptis pyramidalis (Pyramidenorchis, knospig) in der Wacholderheide. Handelt es sich hier also um eine Halbtrockenrasen-Variante, wie Dr. Zelesny vermutet? Die uniforme Erscheinung der Pflanzen lässt beinahe darauf schließen. Auf jeden Fall sind die Blumen wunderbar anzuschauen und eine unverhoffte Erscheinung, wie sie dort, dem flüchtigen Blick im hohen Gras verborgen, in der Wiese schweben.

Auf den Wacholderheiden ist überhaupt ein herrliches Blühen zur Zeit, und nicht nur die Orchideen erfreuen den Betrachter. An einer Stelle in der Heide wogen die Blütenköpfe der Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa) dutzendweise über dem Gras; für den Menschen ein Augenschmaus – für die Bienen eine Weide, um Pollen zu sammeln und sich mit Nektar zu stärken.

Zum Abschluss meines Spaziergangs begegneten mir dann nochmals Bienen – sie nutzten die Pfütze, die sich nach den starken Niederschlägen der letzten Tage in der Fahrrinne eines lehmigen Feldwegs gebildet hatte, als Tränke. Geschickt nutzten sie die Zweiglein, die überall ins Wasser ragten, und es war eine Freude, dem emsigen Treiben eine Weile zuzuschauen.

Genießen Sie die neuen Bilder in der Rubrik Dactylorhiza incarnata. Auf bald!

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Riemenzunge – eine Erfolgsgeschichte

Juni 22, 2010

Geneigter Leser,

solch blühende Wiesen mit Salbei, Margeriten, Skabiosen und Esparsetten sind ein Anblick, der den Spaziergänger immer wieder in ehrfürchtiges Staunen versetzt. Glücklicherweise findet man sie noch an den Traufhängen der Schwäbischen Alb. Ebenso erstaunlich ist die Riemenzunge (Himantoglossum hircinum):  Vor einem Vierteljahrhundert  war sie mir aus der Region gänzlich unbekannt und besiedelte wohl nur die klimatisch günstigsten Regionen Deutschlands. Die erste Aufnahme, die ich von einer Riemenzunge in der regiorchis machen durfte, entstand noch im Zeitalter der analogen Fotografie. Damals, vor ungefähr 20 Jahren, wuchs ein (!) Exemplar in einer Wacholderheide bei Reichenbach i. T.; seither hat es Himantoglossum geschafft, sich Jahr für Jahr neues Terrain zu erobern und ist inzwischen in prächtigen Exemplaren von bis zu einem halben Meter (und mehr) Wuchshöhe im Gebiet anzutreffen. Mal findet man verstreut im Halbtrockenrasen einzelne Exemplare, dann aber auch schöne Populationen, die sich schon von weitem durch ihren eigenwilligen Duft kundtun.

Am 6. Juni 2010 wurde ich in einer Wacholderheide bei Deggingen vom Genfer Günsel (Ajuga genevensis) begrüßt. Das intensive Blau strahlte in der Sonne, und kaum hatte ich die Schönheit fotografiert, stieg mir ein wohlbekanntes Parfüm in die Nase – flugs den schmalen Pfad weiter, und nach wenigen Metern zeigte sich eine prächtige Gruppe der Riemenzungen. Sie besiedeln dort auch Flächen, die kürzlich entbuscht worden waren – hier zeigt sich, wie wertvoll die Pflegemaßnahmen der freiwilligen Helfer sind, die die Kulturlandschaft in Fils- und Lautertal offen halten und so in den Wacholderheiden das Überleben der typischen Pflanzen- und Tierwelt sicher stellen.

Tags zuvor führte mich eine Exkursion auf eine Wiese bei Mühlhausen im Täle; dort gab es drei merkwürdige Dactylorhiza-Pflanzen zu bewundern. Herr Dr. Zelesny hatte mir den Tipp gegeben, dort einmal vorbeizuschauen. Er meint, es handle sich um Hybriden von Dactylorhiza majalis x Dactylorhiza incarnata (Breitblättriges und Fleischfarbenes Knabenkraut). Tatsächlich habe ich auf dieser Wiese vor gut 15 Jahren zwei Exemplare von  D. majalis gesehen (und fotografiert) und sie taucht wohl immer wieder dort auf. Ebenso gibt es einen kleinen Bestand hellblütiger D. incarnata, die aber am 5. Juni 2010 noch nicht geblüht haben (es inzwischen laut Nachricht von Dr. Zelesny tun, und ich hoffe, dass ich in den nächsten Tagen die Exkursion wiederholen kann, um Bildmaterial präsentieren zu können). Die besagten drei Pflänzchen zeigen Merkmale beider Arten, und es sind wohl tatsächlich Hybriden – erstaunlich, da die Knabenkräuter in einem für sie völlig atypischen Biotop, eben einem Halbtrockenrasen wachsen. Höchst interessant ist in diesem Zusammenhang die Ansicht von Dr. Zelesny, dass es sich bei den hellen Fleischfarbenen um eine „Halbtrockenrasen“-Variante handeln könnte – bin schon sehr gespannt auf diese Pflanzen.

Wunderschön waren neben den Orchideen aber auch weitere Pflanzen anzuschauen, wie beispielsweise die Kugelige Teufelskralle (Phyteuma orbiculare) oder das Immenblatt (Melittis melissophyllum), das die größten Blüten unserer heimischen Lippenblütler besitzt und an Waldrändern und in Halbtrockenrasen im Oberen Filstal glücklicherweise immer noch eine Heimstatt findet.

Neue Orchideen-Bilder finden Sie bei Himantoglossum hircinum und in der neuen Rubrik Dactylorhiza x aschersoniana. Viel Spaß beim Anschauen!

Überwältigende Vielfalt

Juni 14, 2010

Das Pappelkäfer-Paar, werter Besucher,

tut das, was seit der Erfindung der Sexualität in der Natur des Lebens liegt: Es sorgt für Nachwuchs und durch die Neukombination der Gene wird sichergestellt, dass es in den folgenden Generationen Individuen gibt, die meist ein wenig anders als ihre Eltern sind und somit die Fähigkeit besitzen, sich an geänderte Lebensbedingungen besser anzupassen und das Überleben der Art zu sichern.

Auch unsere Orchideen sind hemmungslos evolutionär tätig – das Zwischenergebnis zeigt sich in diesem bisher wahrlich blühenden Orchideen-Jahr auf den Heiden und in den Wäldern der regiorchis: Die Ragwurzen zeigen ihre Infloreszensen in verschwenderischer Fülle, zur Zeit Fliegen- und Hummel-Ragwurz, die sich wohl auch artübergreifend durchaus zugetan sind, wie die Hybride der beiden beweist, die ich am 4. Juni 2010 bei Bad Ditzenbach besuchen durfte. Die Hummeln zeigen ihre Blüten in wunderbarer Variation. Schöne Bilder ergeben sich, wenn drei verschiedene Ophrys-Arten auf einem Fleck in trauter Nachbarschaft nebeneinander wachsen, wie auf dem folgenden Bild die Hummel-, Fliegen- und Spinnen-Ragwurz.

Die Natur holt im Moment das nach, was ihr der kühle und regnerische Mai verwehrt hat: Es blüht allenthalben, Helm- und Purpur-Knabenkraut stehen in Hochblüte, die Riemenzunge folgt ihnen dichtauf, während die Spinnen-Ragwurz und ihre kleine Schwester, Manns- und Blasses Knabenkraut bereits dicke Fruchtknoten haben. Doch nicht nur die Orchideen sprühen vor Leben, in einer Wacholderheide bei Ditzenbach scheinen sich die Sommerwurzen (Orobanche) sichtlich wohl zu fühlen. Sie wachsen dort in großer Anzahl. Die folgenden Bilder zeigen Ihnen einige Beispiele.

Mein Exkurs am 4. Juni führte mich dann noch weiter nach Deggingen, wo ich das Fleischfarbene Knabenkraut noch vollkommen knospig vorfand; im Wald und am Waldrand blühten jedoch sehr schön das Langblättrige und das Bleiche Waldvögelein und in einer Mischpopulation der beiden liefern auch die Cephalanthera-Arten den Beweis, dass sie durchaus zur geschlechtlichen Interaktion fähig sind (auch wenn zumindest das Bleiche Waldvögelein die Selbstbefruchtung bevorzugt): Die Hybride der beiden Arten lässt daran keinen Zweifel.

Es gibt also einiges Neues zu entdecken, was Sie auf den entsprechenden Seiten in Augenschein nehmen können. Viel Spaß dabei!