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Retrospektive: Spätsommer

Januar 3, 2012

Lieber Orchideenfreund,

auch der Spätsommer und der Herbst haben Orchideen. Zwar keine blühenden mehr, sieht man von späten Spiranthes spiralis oder Epipactis purpurata ab; dafür begeistert zu diesen Jahreszeiten aber die Architektur ihrer Früchte, und sie sind es wert, als wohl wichtigster Zustand der generativen Phasen der Orchideen dokumentiert zu werden.

Zwischen dem 19. August und dem 15. September 2011 war ich in der Region unterwegs – und immer noch fand sich allenthalben blühendes pflanzliches Leben: Obwohl die Herbst-Aster (Aster amellus) bereits Mitte Juli zu blühen begonnen hatte, waren auf den Wacholderheiden um Unterböhringen nach wie vor schöne Exemplare anzutreffen. An wechselfeuchten Stellen im Halbtrockenrasen streckte das Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris) seine filigranen, fein geaderten Blüten der Spätsommersonne entgegen.

Der Fransen-Enzian (Gentianella ciliata) leuchtete sein Blau dem Betrachter zu – besonders zahlreich ist er an gestörten Stellen in der Heide zu finden, z. B. dort, wo Naturschützer Mäh- und Schnittgut, das bei der Biotoppflege angefallen ist, verbrannt haben: Hier hat der einjährige Enzian beste Startchancen.

Frauenschuh (Cypripedium calceolus), Braunrote und Müllers Stendelwurz (Epipactis atrorubens und muelleri), die Händelwurzen (Gymnadenia conopsea, odoratissima und densiflora) und die Riemenzunge (Himantoglossum hircinum) stehen in schöner Fruchttracht. Besonders letztere beeindruckt mit den organisch-architektonischen Strukturen ihrer aufgeplatzten Fruchtkapseln. Und weckt gleichzeitig die Hoffnung auf längere und wärmere Tage – neben dem trockenen Fruchtstengel entspringt bereits die Blattrosette des neuen Triebes, der hoffentlich heuer einen prächtigen Blütenstand entwickeln wird.

Aber nicht nur die Orchideen haben interessante Früchte:

Auf einem Felsen bei Geislingen/Steige hat das Salomonssiegel (Polygonatum odoratum) seine kugeligen blauen Beeren ausgereift. In seiner Nähe, an lichten Stellen im Buchenwald, finden sich Fruchtstände des Bleichen Waldvögeleins (Cephalanthera damasonium), teilweise in prächtigen kräftigen Exemplaren, sowie der Breitblättrigen und Müllers Stendelwurz (Epipactis helleborine und muelleri). Während erstere sich auch im tieferen Schatten des Walddachs wohlfühlt, bevorzugt die Müllerin offenere Stellen in Lichtungen und am Waldesrand, wo sie genug Sonne genießen kann.

Genießen Sie, verehrter Besucher, die Früchte unserer Orchideen, die im Leben der Pflanzen eine wichtige Rolle spielen, auch wenn uns die Blüten bedeutend mehr ansprechen. Fotos finden Sie in den entsprechenden Kapiteln.

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