Rückblick: Blühender Sommer

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Lieber Orchideenfreund,

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die Käferhochzeit auf dem Holunderblütenschirm liegt nun auch schon gute drei Monate zurück. Da es mir während dieser Zeitspanne leider nicht möglich war, aktuell über das pflanzliche Geschehen in der Region zu berichten, will ich Sie wenigstens rückblickend an den wunderbaren Eindrücken des Sommers teilhaben lassen.

Der Frühsommer begann für mich mit der Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), die an vielen Orten in der Region schön in Blüte stand und damit den bis dato überwältigenden Blütenflor bei unseren Orchideen fortsetzte; leider kam die schöne sommerliche Witterung auch den Läusen entgegen – und so waren zahlreiche Pflanzen der Bienen, aber auch der Händelwurz- und Stendelwurz-Arten stark von den Saugern befallen – zum Teil so sehr, dass schon die Knospenstände schlaff herabhingen und nicht mehr zur Blütenentfaltung kommen konnten. Nichtsdestotrotz waren auch schön blühende Pflanzen zu sehen, darunter solche Besonderheiten wie eine friburgensis-Varietät der Bienen-Ragwurz bei Unterböhringen, auf die mich Reinhard Nickl hingewiesen hatte. Von ihm stammte auch der Tip auf zwei ungewöhnlich kräftige Exemplare des Roten Waldvögeleins (Cephalanthera rubra) ganz in der Nähe. Mit Freunden Daniel und Chrischi machte ich mich auf, jene zu suchen – wir wurden nicht enttäuscht, und ich kann sagen, dass ich bisher zeitlebens keine solche Roten Waldvögeleien erlebt habe.

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Am selben Berg bei Reichenbach i. T. waren noch gut zwei Dutzend weiterer schöner Exemplare zu finden, am Waldesrand und an lichten Waldstellen ließen sie ihre herrlichen Blüten in der Sonne leuchten – auch bei dieser Art darf man getrost von einer enorm reichen Blüte in diesem Jahr sprechen.

Erfreulich auch, dass ich Anfang Juli einen neuen Standort der Hohlzunge (Dactylorhiza viridis) kennenlernen durfte. Zwar wenige, aber schöne Exemplare standen bei Auendorf am 2. Juli in Hochblüte, und so besteht weiterhin Hoffnung für diese sehr seltene Art in der Region. Eine Nachsuche am mir bereits bekannten Standort bei Gruibingen blieb dieses Jahr allerdings leider erfolglos.

Auch andere Pflanzen haben diesen Sommer die ein oder andere Überraschung bereitet: So konnte ich am 9. Juli bei Reichenbach i. T. einen rosa blühenden Natternkopf (Echium vulgare) entdecken;

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der Berggamander (Teucrium montanum) bildete an steinigen Stellen herrliche Teppiche voller Blüten;

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und an einer Stelle im Halbtrockenrasen wuchs in einigen prächtigen Büscheln die Kleine Wachsblume (Cerinthe minor), zeigte letzte Blüten und schon beinahe reife Früchte. Gerüchteweise hatte ich schon von ihr im Gebiet gehört, und so war die Überraschung groß, sie gleich so prächtig und in relativ großer Zahl dort anzutreffen.

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Überraschend war auch der Fund einer Pflanze des kleinblütigen Gelben Fingerhutes (Digitalis lutea) in diesem wunderbaren Biotop zwei Tage später und noch überraschender – wiederum zwei Tage später – die Tatsache, einer weiteren Ohnsporn-Pflanze (Orchis antropophora) ebendort gegenüberzustehen. Dazu eine nette Anekdote: Nachdem ich die Fotos des Ohnsporns bei Unterböhringen veröffentlicht hatte, schrieb mir Herr Gerhard Hägele, dass er sich über die Ortsangabe gewundert hätte; er habe den Ohnsporn nämlich bei Reichenbach i. T. gesehen. Ich bat ihn natürlich sofort, mir den genauen Standort zu nennen – und siehe da, tatsächlich blühte, unweit eines Weges, den ich gewöhnlich jedes Jahr mehrere Male einschlage, dieses Jahr aber noch gar nicht genommen hatte (wohl im Gedanken, sowieso schon alle Pflanzen zu kennen, die dort wachsen), eine weitere Orchis antropophora. Man sieht, welche Überraschungen die Natur zu bereiten weiß – das Glücksgefühl ist natürlich unbeschreiblich, heuer gleich zwei Pflanzen der Art gesehen haben zu dürfen. Und die Spannung steigt, was wohl nächste Saison zu erwarten ist.

Mit Fortschreiten des Sommers und der anhaltend warmen und trockenen Witterung wurde es für unsere später blühenden Orchideen immer schwieriger – zum fehlenden Wasser kam der immer stärker werdende Läusebefall, der vor allem bei Rotbrauner und Müllers Stendelwurz (Epipactis atrorubens und muelleri) in der regiorchis dieses Jahr beinahe zu einem Blüten-Totalausfall geführt hat, weil die Knospen einfach nicht fortkamen. Halbwegs gut verkraftet haben diese Situation die Echte Sumpfwurz und die Schmallippige Stendelwurz (Epipactis palustris und leptochila), wohl deshalb, weil ihre Biotope besser mit Wasser versorgt bzw. gut beschattet sind. Auch bei den letztgenannten Arten war aber teils heftiger Läusebefall festzustellen.

Weitere blumige Höhepunkte das Sommers waren bei Nenningen zu finden: Dort blühte am 22. Juli in großer Zahl an einer wechselfeuchten Stelle eines Halbtrockenrasens das entzückende Kleine Tausengüldenkraut (Centaurium pulchellum), das ich sonst noch nirgendwo in der Region gesehen hatte – ebensowenig wie den Klebrigen Salbei (Salvia glutinosa): Soweit ich inzwischen weiß, kommt diese gelb blühende Art im weiteren Umkreis nur an dieser Stelle bei Nenningen vor.

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Ganz nebenbei bieten botanische Exkursionen in der Region auch noch atemberaubende Ausblicke, wie beispielsweise der Blick von der romantisch gelegenen Reiterles-Kapelle ins Remstal Richtung Schwäbisch Gmünd.

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Vom Gelben Enzian (Gentiana lutea) war, neben vielen prächtigen Blättern, ein Fruchtstand zu sehen – eine wirklich imposante Erscheinung bietet unser größter Enzian, aus dessen Wurzeln der bekannte Schnaps gewonnen wird.

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Ein beindruckendes Schauspiel bot sein kleinerer blaublühender Verwandter, der Kreuz-Enzian (Gentiana cruciata): Er blühte in vielen hundert Exemplaren in einer steilen Heide, zum Teil in prächtigen Gruppen, und sein leuchtendes Blau strahlte an diesem sonnigen Tag einfach atemberaubend. Hin und wieder waren an den Pflanzen die winzigen weißen Eier des Kreuzenzian-Ameisenbläulings (Phengaris rebeli) zu entdecken.

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Abschließen will ich diesen Bericht mit einigen Bildern der Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris), die mit Dutzenden ihrer Spätsommer-Blüten (Fotos von Reichenbach i. T. am 28. August) diesem ungewöhnlichen Blütenjahr wohl noch einige lilafarbene Krönchen aufsetzen wollte.

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Neue Orchideenfotos finden Sie in den Rubriken Ophrys apifera, Dactylorhiza viridis, Cephalanthera rubra, Epipactis palustris, Epipactis leptochila, Orchis antropophora. Viel Vergnügen!

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